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In der Gründonnerstags-Ausgabe
der Warsteiner Tageszeitungen waren wieder interessante Dinge über
das Stoot op-Singen in Warstein zu lesen – eine alte Legende wurde
noch ein wenig weiter in die Vergangenheit verlängert: Das Stoot-op-Singen
soll nun gleich bis in die Zeit Karls des Großen zurückreichen.
Das ist tollkühn. Es gibt nicht einen einzigen belastbaren Hinweis
auf ein wirklich hohes Alter dieses Brauches, dennoch wird sein Ursprung
gleich um rund 1200 Jahre in die Vergangenheit verlegt.
Glocken seien angeblich
erst um 900 in Italien aufgekommen. Das ist falsch. Schon in der Antike
fanden sich kleine Glocken im Bereich des christlichen Mönchtums.
Mit diesen Glockenwurde zum Gebet gerufen. Das Wort „Glocke“
leitet sich übrigens von einem irischen Wort („cloc“)
ab, denn in unserem Bereich machten irische Wandermönche im frühen
Mittelalter die kleine Glocke bekannt. In einer in das späte 7. Jahrhundert
zu datierenden Quelle wird bereits von einer Klosterglocke in Frankreich
berichtet. Schon die Pfalz in Aachen war mit einer Glocke ausgestattet
und auch in Fulda wurde 779 die Glocke anläßlich des Todes
von Abt Sturmius geläutet. Glocken gibt es – auch in unserem
Bereich – also seit der Einführung des Christentums. Die ´Erfindung´
der Glocken hilft gar nicht weiter, wenn es um die Datierung des Stoot-op-Singens
geht.
Wie eigentlich allgemein
bekannt, schweigen die Glocken in der Zeit von Gründonnerstag bis
Ostern. Dieser Brauch ist mindestens seit dem Jahr 850 bezeugt. Im Gottesdienst
ersetzen Klappern die Ministrantenglocken, die Gläubigen wurden in
der Zeit des Glockenschweigens mit Holzratschen oder Klappern zu den Gottesdiensten
gerufen. Der Ruf zur Auferstehungsfeier war nötig, weil die Glocken
schweigen, nicht, weil es noch keine Glocken gab! Aus zahlreichen Orten
im gesamten deutschen Sprachraum sind Bräuche bekannt, die zu unterschiedlichen
Gottesdiensten in der Zeit des Glockenschweigens rufen (selbst die Ankündigungen
der Tageszeiten werden in der Eifel teilweise durch umherziehende ´Klapperkinder´
vorgenommen). Meist geht es dabei sehr laut zu. Es wird nicht (nur) gesungen,
es wird gelärmt, mit den bekannten Ratschen, oder auch mit anderen
Lärm-Instrumenten. Diese Bräuche sind meist nicht sicher zu
datieren. Es paßt jedoch ins allgemeine liturgiegeschichtliche Bild,
diese Bräuche in der Zeit des Barock und in die Gegenreformation
anzusiedeln. In dieser Zeit nahm der Passionskult einen großen Aufschwung,
außerdem finden sich in der Katechismus-Literatur dieser Zeit Empfehlungen,
das Klappern in den Gemeinden einzuführen. Wie bei vielen brauchtümlichen
Äußerungen, die in der Vergangenheit gern gleich bis in das
´germanische Heidentum´ zurückverlegt wurden, handelt
es sich auch hier um einen Brauch, der aus dem Bereich der Liturgie stammt,
von dort aus in den Bereich des Volkes ´abgesunken´ ist (man
sagt das in der Volkskunde so). Übrigens finden sich bei den Weckrufen
immer wieder auch solche, die mit „Stoot op“ (im jeweiligen
regionalen Dialekt) beginnen – was aber bei einem Weckruf einerseits
nicht verwundern kann, andererseits nun wirklich keinen mittelalterlichen
Mönch als Verfasser voraussetzt.
Im Gegenteil, die ´gesittete´
Form, das Weglassen der Lärm-Instrumente, das alles verweist eher
darauf, daß das Stoot-op-Singen eine gewisse ´Bändigung´
erfahren hat. Allzu heftige Brauchtumsäußerungen wurden in
der Zeit der Aufklärung von der kirchlichen Obrigkeit häufig
in die Schranken verwiesen.
Wie alt das Warsteiner
Stoot-op-Singen ist, kann möglicherweise durch gründliche Archivarbeit
bestimmt werden, es wäre aber ein sehr glücklicher Zufallsfund
nötig. Auch in Wiedenbrück gab es ein angeblich jahrhundertealtes
Osterwecken, mit angeblich „altüberlieferter Melodie“.
Genaue Nachforschungen erbrachten, daß der Osterweckruf um 1830
verfaßt und komponiert worden war. Von Wiedenbrück aus verbreitete
sich der Brauch in der Gegend. Der Text dieses Liedes: „Steht auf,
steht auf, Christen steht auf und singt dem Herrn Alleluja!“. In
der äußeren Form gibt es also kaum Unterschiede zwischen dem
Wiedenbrücker „Steht auf“ und dem Warsteiner „Stoot
op“. Trotzdem meint man in Warstein offenbar, ein Alter von 1200
Jahren annehmen zu dürfen – in Wiedenbrück war man genügsamer,
hier reichten die historisch erwiesenen knappen 200 Jahre.
Nebenbei: Wie wichtig
ist denn das Alter eines Brauches? Kommt es nicht vielleicht doch mehr
auf die Aussage des Textes selbst an? Der fordert Sänger und Hörer
zum Aufstehen und zum Osterlob auf – egal, ob er nun 200 Jahre oder
älter ist.
Stefan Enste
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